Wahlkolumne (4): «Wann haben Sie das letzte Mal geweint?»

Andreas Fagetti

KandidatInnen müssen Fragebogen ausfüllen. «Blick am Abend» will wissen, wann ich das letzte Mal geweint hätte und ob ich schon mal verhaftet worden sei: 2 von 23 Fragen, die mit Politik im engeren Sinn nichts zu tun haben. Geweint wie ein Schlosshund habe ich übrigens vor 36 Jahren beim Tod meiner Mutter, 14 Jahre später beim Tod meines Vaters – und einmal bei der Geburt eines meiner Kinder, vor Glück. Seither sind mir manchmal die Augen feucht geworden, das letzte Mal vor einigen Tagen, spätnachts während einer Filmszene («Blow»).

Verhaftungen? Während der bleiernen Jahre passte ich offenbar ins Beuteschema der italienischen, französischen und spanischen Polizei. Damals sah ich manche Polizeiposten von innen. Sie mussten mich immer laufen lassen. Dann war da noch der Fragebogen der Offiziersgesellschaft Nidwalden. Ich ignorierte ihn erst. Dann hakte Herr Schmon nach und bat mich um Antworten. Wie ich die Sicherheitslage in der Schweiz sehe und zur Beschaffung neuer Flugzeuge stehe, was ich von der Armee im Allgemeinen halte? Das sind zentrale Fragen im Kanton Nidwalden, wo die Bevölkerung sehr armeefreundlich eingestellt ist und die Pilatus-Werke der wichtigste Arbeitgeber sind (die beantworten übrigens Fragen eines linken Kandidaten nicht). Ich habe dann einen kleinen Aufsatz zur Sicherheitslage verfasst, der mir überraschenderweise leicht von der Hand ging.

Beim Fragebogen der «Kirchen-News» blühte ich auf. Das liegt an meinem katholischen Hintergrund, der Bildung in der Klosterschule und an einem meiner frühen Berufswünsche: Priester. Allerdings interessierten mich der umstürzlerische Aspekt des Frühchristentums und die Befreiungstheologie weit mehr als Weihrauch und fromme Predigten. Daran hat sich nichts geändert. Entsprechend fielen meine Antworten aus.

Fragebögen erinnern mich an miese Schulen. Mir behagt der direkte Austausch mit Menschen mehr. Nach meinem Podium am Kollegi Stans landete ich in der «Ilge» beim Bier mit Hans, dem Regierungsrat, Lydia, der pensionierten Bankerin, Sepp, dem Gewerkschafter, und Ruedi, dem Parteipräsidenten. Sehr direkt, gleich per du – endlich konnte auch ich wieder Fragen stellen.

Erschienen in der WOZ 40/15