Wahlkolumne (1): Ich bin mit einem rauen Ton vertraut

Andreas Fagetti

In meinem Zürcher Kühlschrank lagert jetzt ein Nidwaldner Bratkäse. Peter Keller schenkte ihn mir vor einem Fotoshooting vor dem Winkelried-Denkmal in Stans. Der «SonntagsBlick» inszenierte das Journalistenduell Keller gegen Fagetti, der Heimatverbundene gegen den «frende Fetzu». Keller erklärte mir die Zubereitung des Käses. Merken konnte ich sie mir nicht. Ich beschaffe mir ein Rezept. Schliesslich möchte ich wissen, wie Nidwalden schmeckt. Wie das Duell ausgehen wird, ist für alle ausgemacht. Keller wird mich locker aus der Hüfte abknallen.

Was erlaubt sich da der fremde «Fetzu»! Am Bahnhof Stans erkannte mich ein mir Unbekannter. «Fagetti?!» – er empfing mich mit einem Satz, der mir bedrohlich erschien: Ich solle mich schon mal auf «Ohrfeigen und Buhrufe» gefasst machen. «Ans Podium im ‹Engel› in Stans solltest du dich auf keinen Fall wagen!» Eine ähnliche Warnung hatte ich bereits von einem anderen Einheimischen erhalten. Dabei war ich am Morgen in Stans bei einer Verteilaktion der WOZ, in der meine Kandidatur gross angekündigt war, keinen Rabauken, sondern durchwegs zivilisierten DirektdemokratInnen begegnet. Sollte es doch anders kommen: Ich bin im Rheintal aufgewachsen und mit einem rauen Ton vertraut. Der erste Nidwaldner, der mir begegnet war, verlangsamte die Fahrt, winkte mir zu, parkierte, stieg aus dem Auto und gratulierte mir zur Kandidatur. «Meine Stimme haben Sie!» Wie sich herausstellte, hatte er vor zwanzig Jahren selber kandidiert. Allerdings in Obwalden. Gegen Adalbert Durrer, damals CVP-Nationalrat.

Dann liess der Zuspruch nach. Ich kann mich aber nicht beklagen – ich bin an zwei Nidwaldner Wahlpodien eingeladen (vgl. «Politour»-Rubrik). Die Behörden begegnen mir freundlich. Was will ich mehr? Aggressiv reagierte bloss einer: Politgeograf Michael Hermann. Er warf mir auf Twitter unter anderem «wohlmeinenden Kolonialismus» vor. Seit wann ist die Wahrnehmung eines demokratischen Rechts Kolonialismus? Nidwalden hat jetzt eine Wahl. Das ist alles. Als schleichende Kolonisierung empfinde ich vielmehr die Ansiedlung von Superreichen, die sich in ihren Villen verstecken, sich nicht am Leben in Nidwalden beteiligen, aber die Bodenpreise und Mieten in die Höhe treiben.

Erschienen in der WOZ Nr. 37/2015